Zeitzeuge

Sämtliche Räume wurden zentral beheizt und waren zweckmäßig, jedoch nicht spartanisch eingerichtet. Meist verliehen ihnen die ’Mieter’ selbst noch eine persönliche Note. Stilvolle Landschaftsfotos und Blumenbilder an den Wänden boten einen durchaus interessanten Kontrast zu großflächigen Akt- und Pornofotos aus geschmuggelten westlichen Sexmagazinen. Ein geräumiger Vorraum diente als Klimaschleuse. Hier wurde auch das Schuhwerk gewechselt. Ein Dienstleistungsbetrieb reinigte täglich sämtliche Unterkünfte, Büros, Arbeitsräume sowie Speise- und Kultureinrichtungen, so dass die Kollegen nach den Schichten ihre knappe Freizeit möglichst für ihre eigenen Belange nutzen konnten.

Thomas Burow
ehemaliger Trassenbauer

9 :Menschen an der Trasse.

"AM MEISTEN SPASS GEMACHT HABEN DIE FREIHEITEN."

Die "Trasse", wie die Erdgasleitung von den Arbeitern genannt wurde, war anfangs kein Sehnsuchtsort. Schließlich lockten dann aber Land und Geld. Mehr als zehntausend junge Leute aus der DDR ließen sich von den Versuchungen des fremden Landes wecken und gingen in die Sowjetunion.  Die Beweggründe, an diesem mächtigen Bauprojekt mitzuarbeiten, waren vielfältig. Für die einen war es die Beteiligung an einem Projekt, das zu den technisch anspruchsvollsten Aufgaben gehörte, die die DDR zu bieten hatte. An die Trasse ging aber auch, wer die DDR verlassen und ein "staatlich organisiertes Abenteuer, das einen eigenartigen Reiz ausübt" erleben wollte, wie es ein FDJ-Funktionär im Rückblick nannte. Schließlich waren es die nicht unbeträchtlichen materiellen Vorteile, die die Arbeit bedeutete. Es wurde nicht nur besser gezahlt, jeden Tag gab es 20 Mark zusätzliches "Auslösegeld", was bei den wenigen Möglichkeiten, Geld auszugeben (Unterkunft und Verpflegung waren frei), sich nach mehreren Jahren Arbeit an der Trasse zu einem hübschen Betrag summierte. Dazu hatte man Zugriff zu den begehrten Genex-Waren, d.h. zu Waren aus dem Westen, die nur mit Devisen zu bezahlen waren. Nach drei Jahren hatten die Trassenarbeiter eine Anwartschaft auf Sofortlieferung eines begehrten PKW, auf den der Normalbürger zehn oder mehr Jahre zu warten musste, beziehungsweise auf die sofortige Zuteilung einer Neubauwohnung.

Der Alltag war weniger idyllisch. Die Arbeit war hart, die Schichten dauerten 10 bis 12 Stunden. Allerdings standen einem nach zwölf Wochen vier Wochen Urlaub zu. Die Versorgung war gut – es gab fünf Mahlzeiten am Tag – und die Trassenbauer lebten im Vergleich zu ihrem russischen Umfeld in fast luxuriös zu bezeichnenden Unterkünften. Es gab Freizeiteinrichtungen und ein vergleichsweise reichhaltiges Kulturprogramm. Die Abschottung zur Umgebung wurde aber von vielen als Belastung empfunden: Eingezäunte Wohnblocks mit Wachen. Es gab kaum Kontakt zu den Einheimischen, der offenbar von staatlicher Seite auch nicht gewollt war. Bis 24 Uhr musste man wieder im Wohnbereich sein. Nur wenige, meist mit mehr oder weniger guten Russischkenntnissen, suchten den Kontakt mit den Einheimischen. Die anderen waren sich selbst genug. Zahlreiche Feiern mit reichlichem Alkoholkonsum künden davon.

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