Zeitzeuge

Alles so fremd, mein erster Eindruck war etwas deprimierend. Schlechte Straßen, weites Land, wenig Wald, offene Brunnen mit Eimer an einer Kette, oder Eimer an einer langen Stange. Die Frauen, egal wie alt, mit dicken Kopftüchern, die Kühe treibend mit gleichmütigem Gesichtsausdruck nach uns den Kopf drehten. Wer konnte, machte lustige Bemerkungen, manchmal etwas boshaft und borniert. … Leider waren die neuen Arbeitskollegen vom Suff nicht weg zu kriegen, deshalb machte ich mich zu Fuß auf den Weg in die nahe Stadt Krementschug. Ich erinnere mich noch gut daran. Diese gut drei Kilometer, zuerst durch das Dorf Pischtschanje mit teilweise unbefestigten Straßen, die zu mit Bitumen belegten Straßen wurden, Gehöfte, immer Richtung Zentrum, vorbei an Betrieben mit Umzäunungen aus Betonteilen, Häuser unverputzt, mit Wellasbestplatten gedeckt, dann gemauerte Wohnblöcke mit fünf Etagen, auch in Plattenbauweise mit Balkonen im Eigenbau ’abenteuerlich’ verkleidet, verglast, meist blau oder grün gestrichen. Die Menschen waren etwas anders bekleidet, mit Fellmütze, leicht nach einem Gemisch aus süßlichem Parfüm (Rosenöl) und Knoblauch duftend.

Helmut Linde
ehemaliger Trassenbauer

8 :Das fremde Land.

"WIR WAREN JA TEILWEISE DIE ERSTEN AUSLÄNDER DORT."

Klaus Weiße an der Innenzentriervorrichtung - der lange Weg im Rohr.
Foto: Klaus Weiße

Der Bau der Erdgastrasse war nicht nur eine technische und logistische Herausforderung. Für die meisten Mitarbeiter aus der DDR war es auch der erste Kontakt mit dem großen sozialistischen Bruder. "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen", lautet eine der zentralen propagandistischen Losungen in der DDR. Die Trasse eröffnete vielen, denen das eigene Land zu klein war, die Möglichkeit ein anderes Land kennen zu lernen.

Auf der offiziellen Ebene war die Begrüßung freundlich bis herzlich. So wird berichtet, dass die Neuankömmlinge vom örtlichen Bürgermeister mit Brot und Salz begrüßt wurden. Doch selbst dreißig Jahre nach dem Ende des "Großen Vaterländischen Krieges", wie der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion hieß, gab es mitunter noch Vorbehalte gegen die neuen Nachbarn. So konnte es den Trassenarbeitern passieren, dass sie am 9. Mai, dem Jahrestag der deutschen Niederlage, mit "Heil Hitler" begrüßt wurden.

Für viele waren die Verhältnisse in den ländlichen Gebieten auch eine Art Kulturschock. Die Realität vor Ort entsprach nicht unbedingt den positiv gefärbten Bildern aus Büchern und Postkarten, die man aus der Sowjetunion kannte. Eine Zeitzeugin beschreibt die neue Umgebung als "grau und grau", berichtet von kleinen Hütten, viel Armut und unsauberen Straßen. Andere sind geschockt von Veteranen aus Afghanistan, die sich auf selbst zusammen gebastelten Brettern mit Rollen fortbewegen.

Auf der anderen Seite berichten ehemalige Trassenarbeiter im Rückblick auf ihre Zeit in Russland von der fantastischen Landschaft, die sie beeindruckte, auch wenn sie während der Arbeit mit extremen Temperaturunterschieden konfrontiert wurden – zwischen minus 35° und plus 40°Celsius.