Zeitzeuge

Wir haben ein riesiges Projekt vorgefunden, das voll lief: 10.000 Leute auf den Baustellen, ein Alkohol- und Bierkonsum von ein bis zwei Tanks, also große Lastzüge, pro Tag, eine eigene Infrastruktur, im großen Umfang Transportleistungen in die UdSSR und etwas, was viel Geld kostete. Ich habe am Anfang, als ich das Projekt übernahm, von Bundesmitteln pro Monat über 100 Millionen DM Auszahlungen unterschrieben und wusste offen gesagt nicht, was ich da unterschrieben habe. Das haben wir dann erst im Nachhinein klären können. Also wirklich eine ganz, ganz ungewöhnliche Aufgabe für ein Ministerium, wie man sie, glaube ich, nur bei der Wiedervereinigung bekommen kann. Das war auch faszinierend.

Dr. Herbert Junk
Referatsleiter für Verkehrspolitik und Bundesbeteiligungen im Bundeswirtschaftsministerium

6 :Alles von zu Hause

"IM GRUNDE WAR JEDER WICHTIG – DIE VON DER KULTUR EBENSO WIE DIE KÖCHIN."

Schweißer am Rohr - Der Schleifer wartet rechts. Jede Naht mußte nachgeschliffen werden.

Bei aller Würdigung der technischen Leistung, die der Bau der Erdgasleitungen darstellt, darf nicht vergessen werden, dass die meisten Menschen in diesem gigantischen Projekt damit beschäftigt waren, eine funktionierende Infrastruktur aufzubauen. Teile der Trasse führten durch Gebiete, die kaum oder gar nicht erschlossen waren.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die Logistik, der Transport von Menschen und Material. Der permanente Wechsel von Trassenbauern zwischen den vielen Einsatzorten machte die Einrichtung einer Art Luftbrücke notwendig. Vor Ort gab es eigene Kipper- und Busbrigaden. So bestand das Personal nicht nur aus Ingenieuren, Technikern, Schweißern oder Kranfahrern. Vor Ort arbeiteten auch Klempner, Köche, Fleischer, Bäcker, die alle aus der DDR kamen. So wurden Brötchen und Kuchen selber gebacken. Russische Arbeiter durften bis zur politischen Wende 1989 nicht eingesetzt werden. Das Projekt Erdgastrasse war vollkommen autark. Jeder Nagel, jede Bierflasche musste aus der Heimat eingeführt werden. Das war nicht immer einfach, da auch in der DDR in vielen Warenbereichen Mangel herrschte.