Zeitzeuge

Jetzt komme ich noch mal zur eigentlichen Arbeit, die zu verrichten war. Meine Zeit bei RIV (Rohr reinigen, isolieren und versenken) war von vielen Höhen und Tiefen begleitet. Kurz beschrieben hielten 6 bis 8 Rohrlegerkräne den fertig zusammengeschweißten Strang mit Spezialtraversen. An einem Kran hing dann ein Apparat der Firma Mitcon, der das Rohr mit Bürsten reinigte und vier Plastbinden umwickelte; die erste Schicht wurde auf vorher aufgebrachten Kleber gewickelt. Das hört sich ganz einfach an, war aber in der Erprobungsphase mächtig kompliziert, weil keinerlei Erfahrungswerte vorhanden waren. Die US Firma Mitcon soll durch ehemalige Ingenieure der Firma Crown gegründet worden sein. Drei Mann von ihnen waren vor Ort. Auf Einzelheiten der Technologie und was wir daraus machten, möchte ich nicht unbedingt eingehen. Nur so viel sei gesagt, dass diese Leute auch für mich sehr interessant waren. Schließlich eröffneten sie mir damals eine neue Welt.

Helmut Linde
ehemaliger Trassenbauer

Zeitzeuge

Auf der Schweißbase in Swetlowodsk als Schweißerhelfer hatte ich Nähte zu verputzen, zu schleifen. Anschlägearbeiten bei den Komatsu-Rohrlegekränen, Innenzentrierungsarbeiten bei den Rohren für die Schweißer – jeder musste auf den Baustellen alles machen. Obwohl ich als Kranführer angeworben wurde, dauerte es fast ein Jahr, bis ich auf einem Kran eingesetzt wurde. Ich nehme an, dass ich immer die in mich gesetzten Erwartungen erfüllt habe. Wenn ich von Erwartungen schreibe, muss ich zugeben, dass ich einiges nicht so gut geschafft habe. Als Schlosser konnte ich bald feststellen, wo meine Grenzen lagen. Habe Kollegen kennengelernt, von denen ich vieles lernen konnte. Habe mir einige "Tricks abgelauscht" und wenn die Gelegenheit günstig war, dann war ich auch mal faul, aber nicht schlimmer als andere. Ich gehörte zum Durchschnitt und das reichte mir. Jeder musste alles machen, was anlag; es wurde selten gefragt, wer einverstanden ist, deshalb gab es auch viele unzufriedene Kollegen; aber das Gros zog mit, begeistert und verständnisvoll für Nöte und Engpässe. So wurde auf der Schweißbase Swetlowodsk neben einem amerikanischen Fabrikat zum Zusammenschweißen von Gasleitungsrohren auch ein russisches Gerät aufgebaut. Die Innenzentriervorrichtung wurde von mir von Hand ins Rohr geschoben. Mit Hilfe von Spreizvorrichtungen, die über Elektromotoren gesteuert bzw. angetrieben wurden, genauer: beim Anpassen der Rohrenden – das Elektrokabel wurde an eine Kontaktplatte geschlagen – ging es los, bis ein Beobachter außen den Vorgang für gut befand. So kompliziert, wie ich es beschrieben habe war es nicht. Warum rede ich darüber? Da es keiner machen wollte, habe ich es gemacht.

Helmut Linde
ehemaliger Trassenbauer

5 :Technik des Trassenbaus

„Teilweise wurde an 100 Baustellen gleichzeitig gebaut.”

Schweißer am Rohr - Der Schleifer wartet rechts. Jede Naht mußte nachgeschliffen werden.

Der Bau einer Erdgastrasse ist eine immense logistische Leistung. Zum Teil wurde an 100 Baustellen gleichzeitig gebaut. Eine Vielzahl von Einzelschritten ist für den Trassenbau nötig. Das beginnt mit der Planung des Verlaufs der Trasse, die wiederum geologische Untersuchungen erfordert. Es folgt eine präzise Vermessung des Geländes, die vorbereitende Ausbauplänemöglich macht.

Danach geht es darum, das Gelände – meist mit schwerem Gerät – für den Ausbau der Trasse vorzubereiten. Die Trassenschneisen sind 45 Meter breit. Schließlich werden auf speziellen Transportern die Rohre angeliefert. Die Rohre müssen dann vorgestreckt und verschweißt werden. Dann wird der eigentliche Rohrleitungsgraben hergerichtet, der ungefähr drei Meter tief ist. Wenn es zum Beispiel um die Überquerung von Flüssen ging, mussten besondere Lösungen gefunden werden.

Diese zum Teil sehr komplexen Arbeiten an der Trasse fanden in der Regel draußen bei jeder Witterung statt. Bis minus 30° Celsius wurden noch Rohre verlegt. Parallel zur Erdgasleitung wurden noch eine Ausweichleitung und eine Starkstromleitung gebaut, die für einen kathodischen Korrosionsschutz der Leitung sorgte. In einem Monat wurden circa 10 Kilometer Trasse gebaut.

Aber auch die fertige Trasse erforderte weitere Arbeiten. Mit so genannten "Molchen", die mit dem Erdgas von einer Station gedrückt werden, reinigte man die Rohre.