Zeitzeuge

Jetzt komme ich noch mal zur eigentlichen Arbeit, die zu verrichten war. Meine Zeit bei RIV (Rohr reinigen, isolieren und versenken) war von vielen Höhen und Tiefen begleitet. Kurz beschrieben hielten 6 bis 8 Rohrlegerkräne den fertig zusammengeschweißten Strang mit Spezialtraversen. An einem Kran hing dann ein Apparat der Firma Mitcon, der das Rohr mit Bürsten reinigte und vier Plastbinden umwickelte; die erste Schicht wurde auf vorher aufgebrachten Kleber gewickelt. Das hört sich ganz einfach an, war aber in der Erprobungsphase mächtig kompliziert, weil keinerlei Erfahrungswerte vorhanden waren. Die US Firma Mitcon soll durch ehemalige Ingenieure der Firma Crown gegründet worden sein. Drei Mann von ihnen waren vor Ort. Auf Einzelheiten der Technologie und was wir daraus machten, möchte ich nicht unbedingt eingehen. Nur so viel sei gesagt, dass diese Leute auch für mich sehr interessant waren. Schließlich eröffneten sie mir damals eine neue Welt.

Helmut Linde
ehemaliger Trassenbauer

3 :Und immer weiter – Die großen Erdgastrassen

"DAS JAHRHUNDERTBAUWERK."

Schweißen auch unter schwierigen Bedingungen.
Foto: Heinz Gust

Eine RIM (Reinigungs- und Isoliermaschine) wird durch einen Traktormotor am Rohr entlang bewegt. Dabei wird das Rohr gereinigt, getrocknet und mit einem Voranstrich versehen, um anschließend die Isolierung aufzuwickeln.
Foto: Jürgen Strödel

1982 beteiligte sich die DDR erneut am Bau einer Erdgasleitung, der weitaus größere Dimensionen hatte. Die FDJ erklärte den Trassenbau zum "Zentralen Jugendobjekt". Diesmal an zwei Bauabschnitten: Der erste umfasste 137 Kilometer Gasleitung in der Südwest-Ukraine, zwischen Bogorodtschany und Gussjatin. Dazu mussten noch in Bar, Wolowez und Bogorodtschany zwei Verdichterstationen errichtet werden.

Die Strecke bestand zu einem erheblichen Teil aus sumpfigem, aber auch felsigem Gelände, 12 Gewässer (u. a. Dnestr und Bystriza), 4 Eisenbahnlinien und 33 Straßen mussten passiert werden. Bis 1985 wurden in einem weiteren Bauabschnitt eine Trasse zwischen Jelez und Serpuchow in Richtung Moskau verlegt, durch ebenfalls sehr unwegsames Terrain. 15 Steilhänge, 13 Unterquerungen und mehrere Kreuzungen mit dem Gasleitungssystem Nordkaukasus stellten hier eine besondere Herausforderung dar. Es entstanden 312 Kilometer Pipeline, 2 Verdichterstationen und 1000 Wohnungen mit sämtlichen sozialen und gesellschaftlichen Einrichtungen für die russischen Betreiber. Hürden wie die Überquerung des Dnestrs mit einer 250 Meter langen Rohrbrücke und der Bau einer Verdichterstation auf einem über 700 Meter hohen Berg in Wolowez mussten überwunden werden.

1984 wurde der DDR ein dritter Bauabschnitt am Ural zugewiesen, wo die klimatischen Bedingungen besonders extrem sind. Der Sommer ist geprägt von Schlammmassen, Mücken und Zecken, Im Winter herrscht Bodenfrost. Hier mussten 800 Kilometer Rohr verlegt und 8 Verdichterstationen gebaut werden. Allein im Gebiet Perm (Ural) waren 15.000 Menschen im Einsatz, davon aber "nur" 2.500 Menschen unmittelbar mit dem Trassenbau beschäftigt.

Von 1985 bis zum Ende der DDR 1990 wurde die insgesamt 3.650 Kilometer lange Erdgasleitung von Urengoi bis in die Westukraine nach Uschgorod gebaut. Nach 1990 wurden die Arbeiten unter den Bedingungen der Marktwirtschaft zu Ende geführt, jedoch mit deutlich weniger Aufwand und Personal.